Das Mädchen im Spiegel





Erster Teil
  



Es regnete wieder. Aber das machte ihr nichts aus, sie mochte Regen. Früher, als sie noch auf dem Land gelebt hatte, ist sie bei Regen immer aus dem Haus gegangen und hat im Regen gestanden oder manchmal, wenn sie besonders fröhlich war, hatte sie auch getanzt. Sie konnte nicht tanzen, aber es hatte ja niemand gesehen, also machte sie sich daraus nichts. Doch jetzt lebte sie nicht mehr auf dem Land, sie lebte in einer, in ihren Augen sehr großen Stadt, also war das mit dem sorglosen Tanzen im Regen nichts mehr. Manchmal spazierte sie durch den Regen, doch bereits wenn sie dies tat, sahen die anderen Leute, die dem Regen hektisch versuchten zu entrinnen, komisch an und wunderten sich das sie den Regen nicht verachtete. Viel mehr begrüßte sie ihn, es war in ihren Augen schon fast etwas magisches, wenn es richtig viel Regnete und man dachte es würde nie wieder aufhören.In dieser großen Stadt war Amy ohnehin alles anfangs recht fremd  vorgekommen, all diese Hektik und immer so viele Menschen die man nicht kannte, dann die ganzen Sorgen die andere Menschen hatten, und all die Probleme. Einmal als sie noch ganz neu in der Stadt war, lief sie wie jeden Abend nach der Schule nach hause als plötzlich ein Mann sie packte und in eine Gasse zog. Sie war ganz aufgeregt, hatte aber keine Angst, sogar als der Mann sagte sie solle im sofort ihr Geld geben nicht. Sie hatte sich den Mann angesehen und bemerkte das er sehr arm war, nicht mal Schuhe hatte er an. Sie gab ihm ihr weniges Geld und sagte freundlich: "Du siehst hungrig aus, wenn du magst können wir morgen was zusammen essen gehen, ich bezahle es dir gerne." Da lies der Mann sie verdutzt los und ging sichtlich verwirrt weg, natürlich hatte er sich nicht mehr gemeldet und Amy musste sich eingestehen, dass sie ihn auch seit dem Tag nie wieder gesehen hatte. Natürlich war sie zu dem Zeitpunkt sehr naiv und auch noch jünger und mittlerweile war sie eigentlich ein ganz normales Stadtmädchen geworden. Aber eben nur fast. 
Denn wenn sie alleine war, dann war sie anders: Dann war sie ruhiger, in sich gekehrt, dachte viel nach und wenn man das als Außenstehender beobachtet hätte, wäre einem Amy sichtlich komisch vorgekommen. Aber Amy fiel selten auf, zumindest selten im negativen, denn sie war nett, höflich und brachte andere zum lachen. Sie ging auch oft mit ihren Freundinnen raus, unternahm viel im Freien und fuhr dann auch oft mit den anderen in einen Park, der Nahe der Stadt war.
Alle mochten Amy und sie schien von außen immer sehr froh. Was jedoch keiner sah, war das Amy jemand fehlte mit dem sie ernsthaft über Probleme reden konnte. Zwar sprach man hier und da über verschiedene Dinge, doch dann stellte nur jeder seine Meinung kurz Preis und diese wurde dann kommentiert, aber wirklich über das Problem gesprochen wurde kaum. Als Amy einmal darüber redete, dass sie gerne wieder mal für eine Weile in ihr altes Heimatdorf gehen wolle, da sahen sie die anderen Mädchen komisch an und lachten sie dann aus. Seitdem hatte Amy nicht mehr von ihrem alten Wohnort gesprochen und hatte auch sonst nicht mehr wirklich viel über ihre eigenen Probleme geredet. Als sie dann mit Dreizehn das erste Mal so richtig stark verliebt war hatte sie es freudig ihrer Mutter erzählt und die hatte auch noch ganz lieb zugehört und sich für ihre Tochter gefreut, doch als Amy dann ein paar Monate später weinend nach hause gekommen war, hatte ihre Mutter bereits einen neuen Job in einer großen Bank und war Mittags schon gar nicht mehr da, sodass Amy mit ihrem Schmerz alleine war. 

Zuerst hatte sie überlegt mit ihren alten Kuscheltieren zu reden, doch irgendwie konnten die Stofftiere mit ihren Knopfaugen nicht genug Aufmerksamkeit signalisieren, also ging sie langsam zu dem Großen Spiegel der an ihrer Wand gegenüber von ihrem Bett hing. Vorsichtig betrachtete sie das von Tränen verwischte Gesicht, sah ihre hellen Grünen Augen an, die durch die Tränen mehr als sonst den Anschein erweckten glitzernde Smaragde zu sein, streifte sich langsam über ihre Haut, die irgendwie immer etwas blass erschien und wischte eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht. Dann versuchte sie zu lächeln, doch es erlosch sofort, als sie das komisch verzerrte Gesicht von sich im Spiegel sah. Eine kurze Weile saß sie einfach nur da und schaute in den Spiegel, dann langsam öffnete sie ihren Mund aber klappte ihn schnell wieder zu ohne etwas zu sagen. Wieder saß sie einfach nur da. Dann grinste sie wieder leicht und sagte zu dem Spiegel: "Hallo, ich bin Amy." Und da lächelte sie und redete weinend von den Erlebnissen ihres Tages, erzählte natürlich erst einmal wie sie den Jungen kennengelernt hatte und wie sie sich in ihn verliebt hatte, dann das alles gut gelaufen war, bis sie ihn heute morgen vor der Schule mit einem anderen Mädchen gesehen hatte und als sie erschüttert einfach vor ihm stand grinste er und beachtete sie nicht weiter. 
Sie redete und weinte, weinte auch so sehr, dass sie einfach nichts mehr sagen konnte und dann grinste sie auf einmal wieder und redete weiter, solange bis die Sonne draußen schon unterging und sie hörte wie ihre Mutter die Haustüre öffnete. Schnell wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und nahm ein Schulheft in die Hand. Vom Flur aus rief  ihre Mutter ein gestresstes "Hallo" und Amy antwortete fröhlich. Da kam ihre Mutter in ihr Zimmer und fragte ob den alles okey sei, denn normalerweise sei sie doch nicht so ausgelassen. Amy warf einen schnellen Blick in den Spiegel und nickte dann. Lächelnd antwortete sie: "Natürlich. Ich bin einfach gut gelaunt."


Und so sprach Amy nun mit keinem Menschen mehr über ihre Probleme, zwar war sie als sie wieder Probleme hatte, etwas skeptisch ob sie den wirklich wieder mit ihrem Spiegelbild reden solle, aber nachdem sie das ein paar Mal getan hatte, gewöhnte sie sich daran und an das Mädchen im Spiegel. Wenn Amy weinte, dann redete das Mädchen im Spiegel auf sie ein, machte ihr Mut, und brachte sie vor allem immer wieder dazu, alles etwas besser zu sehen, sodass am Ende eines Gespräches meist keine Träne mehr floss und manchmal grinste Amy dann sogar wieder leicht. Immer öfters musste sie dem Mädchen im Spiegel berichten, dass sie sich mit der und der Freundin gestritten hatte und diese daraufhin nicht mehr viel mit ihr zu tun haben wollten. Ihr selber machte das aber nicht ganz so viel aus, denn selbst wenn sie jemand verletzt hatte oder sie immer Ärgerte dann erwiderte sie zum Ende gar nichts mehr sondern besah sich ihr gegenüber einfach schweigend. Sie zeigte den Schmerz nie den Menschen die ihn verursachten, erst als sie wieder zu hause war, die Tür gerade hinter sich zu gemacht hatte, dann begann sie zu weinen. Leise flüsterte dann das Mädchen im Spiegel, Amy solle erzählen, los Amy erzähle, erzähle mir was passiert ist, ich bin da Amy, erzähle, los erzähle.
Und Amy erzählte.
Immer mehr Freunde von ihr wendeten sich ab von ihr und so war das Mädchen im Spiegel nicht mehr nur Gesprächspartner an schlechten, sondern auch an guten Tagen. Amy erzählte mittlerweile eigentlich alles und lachte auch mit ihrer neuen Freundin. Manchmal hatte Amy aber Angst, dass sie auf einmal weg sei und rannte in ihr Zimmer voller Angst nun nichts mehr zu sehen, doch das Mädchen im Spiegel lächelte und da wusste Amy das sie eine wirkliche Freundin gefunden hatte, dass Mädchen im Spiegel würde nicht einfach weg von ihr gehen. Sie hätte auch gar nicht gewusst mit wem sie sonst hätte reden sollen, die Lehrer beachteten sie nicht, Geschwister hatte sie keine, die Mutter war arbeiten und ihr Vater war vor Jahren nach einem Streit gegangen und zu einer neuen Frau gezogen.

 
An ihrem Fünfzehnten Geburtstag wachte Amy sehr froh auf und das Mädchen im Spiegel gratulierte ihr mit einem ebenso strahlenden Lächeln wie ihr eigenes. Sie duschte sich und zog sich etwas hübsches an. Alle Verwandten wollten kommen, und ihre Mutter hatte verlauten lassen, dass sogar ihr Vater vorbeischauen wolle und ihr etwas geben. Als dann alle Gäste da waren, saß Amy noch auf ihrem Bett und als die Mutter rief sie solle kommen, meinte sie das sie viel lieber in ihrem Zimmer mit allen feiern wolle und nach langem hin und her, saßen am Ende tatsächlich alle in dem kleinen Zimmer und es war sehr eng, nur der Spiegel, auf den wollte Amy freie Sicht haben, also musste ihre Mutter im Türrahmen stehen bleiben. Sie sangen ein Ständchen für Amy und tranken auch den Kaffee in dem Zimmer, doch Amy sagte selten etwas. Auch der Geburtstagskuchen wurde in dem Zimmer gegessen, doch Amy sagte selten etwas. Irgendwann reagierte ihr Onkel ziemlich gereizt und fragte sie warum sie den gar nichts sagte. Sie lächelte und sagte das sie sehr wohl redete. 
Der Onkel erwiderte etwas, doch Amy starrte bereits wieder hinüber zu dem Spiegel und schwieg. Also redeten die Gäste viel mehr untereinander als mit Amy jedoch sahen sie immer beunruhigter zu ihr, mit jeder Minute in der sie nichts sagte. Als der Kaffee getrunken, der Kuchen gegessen war und Amy noch immer schwieg, klingelte es an der Tür. "Oh, dass wird wohl mein Vater sein." Sie stand auf und ging zur Tür. Er war es wirklich, und Amy umarmte ihn fröhlich so als wäre sie noch immer die kleine Tochter von damals. Ihr Vater sah fit aus und begrüßte fröhlich die Runde, so als würden sie sich zum Stammtisch treffen. Alle hatten Amy versprochen sich zu benehmen, was ihnen sichtlich schwer viel denn fast jeder hatte mit ihrem Vater noch offene Probleme die man nie besprechen konnte, da er sich nie hatte blicken lassen. Über die Tatsache das er recht lange bleiben konnte, war nur Amy erfreut und auch das Mädchen im Spiegel zwinkerte ihr erfreut zu. Gegen Abend öffnete die Mutter dann eine Flasche Sekt und auch Amy bekam ein Glas. 
Alle wurden etwas lockerer und die Mutter öffnete eine weitere Flasche. Nach dem Abendessen verabschiedeten sich Amys Großeltern dann und wieder war Amy etwas traurig, doch sie lies sich wie immer nichts anmerken. Sie setzte sich wieder auf ihr Bett und hörte den anderen zu. Auch ihr Vater merkte schnell das Amy irgendwie sehr wenig redete und er sprach sie darauf hin immer gezielt an, worauf Amy dann immer lächelnd eine Antwort gab. Nach und nach gingen immer mehr Gäste und als die Sonne dann fast gänzlich untergegangen war, verabschiedete sich auch der Bruder ihrer Mutter, aber er fragte vorher ob sie den alleine mit ihrem ehemaligen Geliebten klar kommen würde und die Mutter nickte, und versicherte ihrem Bruder das sie ihn sofort anrufen würde, wenn etwas passiert. Da war der Bruder beruhigt und ging, sodass nun nur noch die Mutter, der Vater und Amy im Zimmer saßen. Und das Mädchen im Spiegel. "Was machst du den so in deiner Freizeit?" Der Vater sah Amy an, doch sie schien sehr abwesend. "Amy?" Sie lächelte und fragte was sei, worauf der Vater seine Frage wiederholte. "Oh, nicht so viel. Ich mache viel mit meiner Freundin und lese." Ihre Mutter sah verwundert zu ihrer Tochter. "Welche Freundin, du hast mir gar nichts gesagt." Amy sah in den Spiegel und antwortete lächelnd: "Wie den auch wenn du bis spät Abends arbeitest?" Da sagte auch die Mutter eine Weile lang nichts, aber der Vater wurde etwas zornig. "Du lässt sie den ganzen Tag alleine?" "Nein." Und schon begannen die beiden zu Diskutieren und wurden immer lauter. "Warum macht ihr den so einen Lärm an meinem Geburtstag?" Amy lächelte. 
Da entschuldigten sich beide und die Mutter bat den Vater nun bitte zu gehen. Das stimmte Amy noch trauriger doch sie verabschiedete sich und setzte sich wieder auf ihr Bett. Ihre Mutter brachte den Vater zur Tür. "Ich denke ich werde Amy jetzt öfters besuchen, ich sollte mich um meine Tochter kümmern." Fassungslos sah die Mutter ihn an. "Dich um deine Tochter kümmern? Deine Tochter kam bisher prima ohne dich zurecht und jetzt kommst du auf einmal wieder an und willst ein guter Vater sein?" Da schlug ihr der Vater ins Gesicht, zwar mit der Flachen Hand aber dennoch kräftig. "Du willst mir sagen das es unserer Tochter prima geht? Hast du sie schon mal genauer betrachtet, sie redet kein Wort so als ob sie vollkommen gestört ist!" Da knallte er die Tür zu und ging. Die Mutter war zu fassungslos um sich zu bewegen, aber dann ging sie schnell zu Amy und fragte ob sie denn noch etwas für sie tun könne, sie wollte ja nur schauen ob ihre Tochter etwas mitbekommen hatte von dem was ihr Vater gesagt hatte. Der Schlag kümmerte sie wenig. "Kannst du mir den Kuchen hier lassen?"  Die Mutter lächelte. "Ja." Kurz darauf klingelte das Telefon, die Mutter rief noch "Schatz, ich muss dringend ins Büro sie brauchen mich dringend, tut mir Leid, passe auf dich auf." Und schon war Amy wieder alleine.








 Zweiter Teil






Langsam stand sie von ihrem Bett auf und ging zum Fenster. Sie wohnten im Dritten Stock und von hieraus konnte man direkt auf die Straße sehen und so sah sie auch wie ihre Mutter in ihrem Geschäftswagen davonfuhr. "Meinst du sie kommt heute noch nach hause?" Amy zuckte die Schultern und sah weiter aus ihrem Fenster und der Sonne zu wie sie verschwand, so wie ihre Mutter einfach verschwunden war, so wie ihre Freunde einfach verschwunden waren, so wie sie alle einfach verschwunden waren. "Es sind doch nicht alle verschwunden, ich bin da Amy." Amy lächelte leicht und nickte. "Ich lasse dich nicht alleine, warum bist du traurig? Los Amy erzähle, erzähle mir was passiert ist, ich bin da Amy, erzähle, los erzähle." "Ich komme mir so alleine vor, nie ist jemand da der sich wirklich um mich kümmert. Heute sollte ein schöner Tag werden, und das war er auch wirklich, nie dachte ich das mein Vater kommen würde." Das Mädchen im Spiegel sah verärgert zu ihr. "Hast du den nicht gehört was er gesagt hat?" Amy blieb still. "Du weist was er gesagt hat - er hat dich "gestört" genannt, Amy." Da zitterte Amy leicht und begann zu weinen. "Bin ich das den, hat er Recht?" "Warum solltest du gestört sein? Ich glaube deinem Vater geht es wohl nicht mehr so gut, wenn er so etwas von seiner eigenen Tochter behauptet, zudem kennt er dich gar nicht mehr richtig." Amy drehte sich um und sah auf das Mädchen im Spiegel. Es stand dort so Selbstsicher und wirkte so, als ob es nie etwas falsch machen könnte. Amy wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und fragte wieder: "Bin ich das den, hat er Recht?" Und dann ging sie einfach aus dem Zimmer. Sie hörte zwar das Rufen des Mädchens, aber sie zwang sich es zu ignorieren und ging in aller Ruhe duschen. Als sie in ihr Handtuch gewickelt wieder in ihr Zimmer ging, war sie müde und wollte nur noch schlafen. Sie machte das Fenster zu und legte sich erschöpft in ihr Bett. Aber bevor sie einschlief warf sie einen kurzen Blick in den Spiegel: Das Mädchen sah traurig aus und sah zu Boden, wie ein Hund der etwas falsch gemacht hatte und Strafe bekommen hatte.

"Amy kannst du uns vielleicht die Antwort sagen?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein tut mir Leid, das habe ich gerade vergessen." Sie lächelte entschuldigend und sah wieder aus dem Fenster. Gestern hatte es zum ersten Mal in diesem Jahr geschneit, und Amy liebte den Schnee. Schon als sie kleiner war, hatte sie beim ersten Schnee des Jahres angefangen einen Haufen Schnee zu sammeln um dann einen großen Schneemann zu bauen, die Möhre als Nase holte sie dann aus dem kleinen Garten hinter ihrem Haus und die Knopfaugen aus dem alten Kaminofen - es war beinahe ein Schneemann wie aus einem Bilderbuch und Amy baute nicht nur einen Schneemann, nein sie baute ganz viele. Manchmal war der ganze Garten voll mit Schneemännern und auch Schneefrauen baute sie, diese bekamen dann immer noch eine Kette aus Kohle, damit man sie besser unterscheiden konnte, und jeder einzelne bekam einen Namen. Im ersten Winter an dem Amy einen Schneemann gebaut hatte und sich der Tat auch bewusst war, da flossen bittere Tränen als die Sonne den Schneemann zum schmelzen brachte, doch ihre Mutter war gekommen und hatte ihr gesagt, dass der Schneemann nicht tot sei, er würde nur Urlaub machen, und zwar dort wo es kälter ist, denn Sonne mögen Schneemänner nicht sonderlich. Schon lächelte Amy wieder.
Den weiteren Unterricht nahm sie nur mit halbem Ohr war und das Klingeln am Ende der Stunde überhörte sie gänzlich. Kopfschüttelnd trat der Lehrer vor ihr Pult. "Amy, du musst dich besser im Unterricht konzentrieren, sonst muss ich dir eine schlechte Note machen." Sie sah weiterhin aus dem Fenster und sagte lächelnd: "Eine schlechte Note machen? Das fände ich zwar nicht sehr gut, aber ich denke das würde nicht weiter ins Gewicht fallen, da meine schriftlichen Noten ja sehr gut sind, oder?" Da hatte sie allerdings Recht. Obwohl Amy nie im Unterricht aufpasste, oder zu hause viel lernte, waren ihre Noten immer gut. "Amy ist bei dir zu hause auch alles okey?" Er sah sie mit lieben Augen an, denn er wollte wirklich nur das beste für sie. Sie stand auf und nahm ihre Tasche in die Hand. "Ja. Ich wüsste aber nicht, was das sie zu interessieren hat. Bis morgen." Und damit ging sie aus dem Zimmer.

Die Tage vergingen und Amy verließ das Haus eigentlich nur noch um zur Schule zu gehen, oder um etwas zu holen worum sie ihre Mutter gebeten hatte. Ihre Mutter bemerkte natürlich das ihre Tochter sich veränderte, aber da sie früh aus dem Haus ging und erst spät Abends wieder daheim war, bemerkte sie nur einen Bruchteil des Ganzen, und auch wenn sie Amy fragte was sie den getan hatte, dann wusste Amy immer etwas neues zu sagen, und sie erzählte das alles so lebhaft als ob es soeben erst passiert wäre.
Aber es war Winter, und immer mehr sah sie voller Sehnsucht aus dem Fenster. Es hatte die letzten Stunden durchgehend geschneit und nun lag der Schnee relativ hoch. Hinter ihr ertönte die ihr so vertraute Stimme: "Ich weiß was du denkst, aber du kannst mich doch nicht hier so alleine lassen. Ich gehe doch auch nicht einfach weg." Amy erwiderte nichts weiter. "Ich bin für dich da immer wann du willst, lass dich doch wegen etwas Schnee nicht verwirren." Amy grinste. "Ich will doch nur mal sehen wie viel neuer Schnee gefallen ist und einen kleinen Schneemann bauen. Ich bin auch ganz schnell wieder da." Das Mädchen im Spiegel sah sie traurig an. "Aber Amy, ich mache mir Sorgen um dich. Ich will nicht das dir jemand weh tut, dass dich jemand verletzt." Da musste Amy lachen. "Wer soll mir den weh tun? Ich will doch nur ein wenig im Schnee spazieren?" Da Wimmerte das Mädchen im Spiegel traurig. "Lass mich nicht alleine, bitte bleib hier. Nur noch ein wenig. Bleib hier und erzähle mir etwas, ich will so gerne etwas erzählt bekommen, bitte erzähle mir etwas." Amy seufzte und setzte sich wieder auf ihr Bett. Inzwischen hatte Amy relativ wenig Schlechtes zu berichten, denn sie ging ja nicht mehr aus dem Haus, also erzählte sie belanglosere Dinge und irgendwann verstummte das Mädchen im Spiegel und schloss sanft ihre Augen. Leise und vorsichtig zog sich Amy ihre Winterjacke, ihre warmen Stiefel und ihre Handschuhe an und schlich sich vorsichtig aus dem Zimmer. Sie warf noch schnell einen Blick auf ihre Mutter, die nach der Arbeit sofort schlafen gegangen war, und ging aus dem Haus. Zuerst ging sie noch langsam die Treppen hinunter, aber mit jeder Stufe wurde sie schneller und die letzten überflog sie förmlich. Dann endlich war sie an der Tür angelangt und riss sie voller Begeisterung auf. Der kalte Wind schlug ihr ins Gesicht und der Schnee unter ihren Füßen knirschte laut unter ihrem Gewicht, als sie ein paar Schritte lief. Die Straße war erleuchtet durch den Vollmond der von oben lachte und sie zu einem Spaziergang in der Nacht einlud. Amy vergewisserte sich, dass sie den Haustürschlüssel dabei hatte und lief fröhlich los. Sie wollte zu dem Park laufen, indem sie so oft mit ihren Freundinnen gesessen hatte. Fröhlich lief sie und beobachtete ihre Umgebung genau. Es könnte ja doch sein, dass irgendeine Gefahr lauerte, also lief sie zwar ohne Sorge, aber mit Vorsicht durch die Straßen. Ist es den richtig das ich einfach gegangen bin? Was ist wenn sie auf mich sauer ist, oder nichts mehr mit mir zu tun haben will? Bin ich eine schlechte Freundin? Sie blieb stehen und überlegte ob sie zurück gehen sollte, besann sich dann aber und lief schneller weiter. Aus der Ferne hörte sie das Wimmern des Mädchens und Amy lief immer schneller. Das Wimmern wurde zu weinen, die Tränen zu lautem Schreien: Komm zurück, lass mich nicht alleine! Amy! Amy! Amy, wo bist du? Komm zurück, lass mich nicht alleine! Die Schreie hallten in Amys Kopf wieder und sie rannte los, hielt sich die Ohren zu, wollte das nicht hören, wollte alleine sein, ganz alleine. Sie rannte und rannte, ihre Lungen brannten vor Schmerz, doch mit jedem Meter den sie weiter rannte, wurden die Schreie in ihrem Kopf leiser - Dann endlich war es still. Doch Amy rannte weiter, solange bis ihre Beine sich ihrem Willen entzogen und sie unter der Last ihres eigenen Gewichtes zusammenbrach. Bei dem Sturz fiel sie hat mit ihrem Kopf auf den Boden und alles um sie herum verschwamm vor ihren Augen.
Still und leise fiel neuer Schnee...








Dritter Teil






Die Nacht ist einsam. Das Dunkle kommt und frisst alles unaufhaltsam auf. Aber die Nacht bietet auch Schutz. Schutz gesehen zu werden, sie bietet Obhut in ihrer Dunkelheit, hüllt dich in ihren schwarzen Mantel, versteckt dich...

Schwach drang eine Stimme in Amy´s Ohr. Wie eine Melodie von weit her klang es, Musik, die irgend woher kam, von weit weg. Doch die Musik wurde lauter, kam näher, wurde bedrohlicher. Angst schwang in der anfänglich zart zupfenden Melodie. Sie spürte ein Scharren um sich herum. Als sie wieder Gefühl in ihren Körper bekam, war das erste was sie spürte Kälte. Ihr war wahnsinnig kalt, noch nie hatte sie so gefroren. Und als ob ihr Körper das erst jetzt wahrnahm, begann sie zu zittern. Da hörte sie wieder diese Melodie, da war jemand bei ihr. Jemand wollte ihr etwas sagen. Langsam öffnete Amy ihre Augen, doch ihre Lieder flackerten auf und ab, so schloss sie ihre Augen schnell wieder. Ja, da war jemand. Sie kannte diese Person nicht. Alles was sie hatte erkennen können waren zwei Augen, schwarz wie der Himmel selbst und ein besorgtes Gesicht. Wer konnte sich um sie Sorgen? Um Amy, dass nichts.
Da spürte sie, dass etwas auf sie gelegt wurde, was war es? Wieder versuchte sie die Augen zu öffnen und diesmal gehorchten ihre Augenlider ihr wieder. Ein Mann, ein Junge saß direkt vor ihr im Schnee, den Rücken zu ihr gewandt. Was tat er da? Warum machte er den Schnee der um sie herum war beiseite, mochte er keinen Schnee?
Als er Anstalten machte sich zu ihr zu drehen schloss sie schnell wieder ihre Augen. Sie hörte wie er ein wenig näher zu ihr schritt. Vorsichtig, langsam öffnete sie ihre Augen wieder einen Spalt weit. Da erschrak sie und wich vor lauter Schreck zurück: Der Junge war ganz nahe an ihr Gesicht heran gekommen, sie hatte sogar seinen Atem spüren können.
Und da erklang wieder diese Melodie, die Stimme des Jungen in ihren Ohren: „Bist du wach? Sag doch was!“ Sie zuckte wieder etwas zusammen. Wie viel Sorge in der Stimme lag, dass war ihr noch nie vorgekommen.
Da öffnete sie ihre Augen ganz und blickte in das Gesicht des Jungen. Erleichtert lächelte dieser auf. „Dachte schon du bist erfroren. Hätte mich auch nicht verwundert, du liegst hier bestimmt schon eine Weile. Ist aber auch verdammt kalt hier draußen, ich weiß gar nicht was du hier so spät wolltest. Du..“ Sie lauschte seinen Worten, er redete einfach weiter kam zu ihr und hob lächelnd seine Hand zu ihr hin. „Steh schon auf, du hast da lange genug gelegen.“ Sie stand langsam mit seiner Hilfe auf. „Man könnte ja meinen du bist die eine aus dem Märchen wo so viele Rosen sind, die wo so lange geschlafen hat, Dornröschen genau! Du hast auf mich gewirkt wie Dornröschen, nur das du von alleine wach geworden bist und nicht durch einen Kuss.“ Da fing er ihren verstörten Blick auf. „Rede ich zu viel? Du schaust so eingeschüchtert. Okey, klar du kennst mich ja gar nicht und bist sicher etwas verwirrt was du hier machst, ich..oh“ Da schloss er seinen Mund und grinste einfach. Langsam betrachtete Amy ihn: Kalt konnte ihm nicht sein, eine dicke braune Jacke mit großer Kapuze, mit Fell hatte er an und schwarze Handschuhe – man sah sie kaum. Seine Haare hingen ihm etwas zerzaust im Gesicht, sie waren beinahe so schwarz wie seine Augen.
Schnell lies Amy eine Hand vor ihr Gesicht huschen. „Ich..ich..danke.“ Sie grinste kurz und verlegen.
Er grinste zurück. „Ich bin Dustin.“
Amy grinste. „Ich..ich muss nach hause.“ Dustin nickte. „Ich begleite dich noch ein Stück, nicht das dir noch etwas passiert.“ Und so gingen sie langsam durch den Schnee und der Mond verschwand langsam und die ersten Sonnenstrahlen brachen hervor. Mit jedem Schritt hörte sie wieder diese bekannte Stimme im Kopf. Leise, ganz leise hörte sie die Stimme. Sie wollte ihr keine Beachtung schenken, wollte den Moment genießen, doch die Stimme wurde lauter. Amy blieb stehen und hielt sich den Kopf. „Alles okey?“ Amy nickte und lächelte. „Ja, alles okey.“ Es dauerte nicht lange da waren sie an der Wohnung angelangt. „Gut dann geh ich auch mal hause, gute Nacht.“ Und da drehte er sich schon um und ging langsam weg. Eine Weile stand Amy noch da und sah ihm hinterher, dann nahm sie den kleinen Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnete langsam die Tür. Alles war still. Als sie die Wohnungstür öffnete, knarrte die Tür und Amy huschte schnell hinein. Es war seltsam still und auf Zehenspitzen tapste sie in ihr Zimmer. Ein vorsichtiger Blick auf den Spiegel. Er war leer, sie sah nur sich. Sie zog sich ihre nassen Klamotten aus und einen bequemen Schlafanzug an. Müde und erschöpft legte sie sich auf ihr Bett.
Gerade als sie ihre Augen schließen wollte sprengte eine heulende Stimme ihre Ohren. „ALLEIN GELASSEN! WEG! EINFACH WEG!“ Amy schüttelte den Kopf. „Nein! Nein!“ Die Stimme kreischte: „VERLASSEN! WEG GEGANGEN! AMY! AMY! AMY!“ Sie hielt sich ihre Ohren zu, so sehr klang die Stimme in ihrem Kopf wieder. „Hör auf, hör auf!“, schrie sie verzweifelt. Tränen liefen ihr über das Gesicht. „Hör auf, hör auf!“ Da wurde die Tür zu ihrem Zimmer aufgerissen und ihre Mutter stürmte voller Besorgnis hinein. Da verstummte die Stimme, als wäre nie da gewesen. „Amy, Amy?“ Ihre Mutter nahm sie in den Arm. „Alles ist gut, ich bin da Amy, keine Angst.“ Schluchzend und zitternd sagte Amy nichts und weinte, weinte bis keine Tränen mehr kamen und sie vor Müdigkeit schlief. Vorsichtig legte ihre Mutter sie wieder in ihr Bett und deckte sie sanft zu.




Vierter Teil






Als Amy Ihre Augen wieder öffnete und vorsichtig zu dem Spiegel blinzelte, lag das Mädchen im Spiegel ganz still da, langsam hob und sank sich ihr Brustkorb – Sie schlief. Amy wollte gar nicht darüber nachdenken, warum oder wie, sie wollte raus. Sie packte sich in ihren schwarzen Mantel, zog ihre Handschuhe an und trat hinaus an die frische, kalte Luft die ihr entgegenkam. Der Schnee unter ihren Fußen knirschte laut, mit jedem Schritt den sie tat. Der Wetterbericht auf der Zeitung hatte Regen angekündigt, deshalb hatte sie einen Schirm mitgenommen, einen Schirm in einem rot einer reifen Kirsche, beinahe Blutrot. So lief sie langsam die Straße entlang, ohne jedes Ziel, einfach ihrer Laune nach. Sie kam an einem Kindergarten vorbei, die Kinder lachten fröhlich und bauten kleine Iglus. Als eines der Kinder ein Iglu kaputt machte, kümmerte es die anderen gar nicht – Sie bauten einfach ein Neues. Einen Moment blieb Amy stehen und beobachtete das Treiben und lachen der Kinder, dann ging sie weiter und nach kurzem hörte sie erneutes Lachen.

Ein paar Ältere Jungs hatten sich versammelt und hatten gerade eine Schneeballschlacht begonnen. Da flog ein Ball geradewegs auf einen Jungen vor Amy zu, dieser duckte sich schnell und der Schneeball traf Amy. Hastig entfernte sie den Schnee von ihrem Mantel da rief einer der Jungs ihren Namen. Sie sah auf. Es war Dustin. Sie hatte ihn gar nicht erkannt, da er eine dicke Mütze trug. Lächelnd kam er auf sie zu und klopfte schnell den restlichen Schnee von ihr. „..Danke..Tut mir Leid.“ Dustin sah sie verwundert an. „Tut dir Leid? Du bist ja vielleicht komisch, dass muss dir doch nicht leid tun, es war schließlich nicht deine Schuld das du getroffen wurdest.“ Amy schüttelte den Kopf. „Doch ich stand im Weg, ich..“ „Nichts da!“ Dustin lachte laut. Dann stupste er sie leicht. „Komm wir gehen ein Stück.“ Als er loslief folgte Amy ihm einfach. Was hätte sie auch anderes tun sollen?
Amy hatte erwartet das er nun bestimmt viel reden würde, doch er sagte kein Wort und lief einfach neben ihr her.
Wohnst du schon lange hier, Amy?“ „Ähm, ja.“ Wieder schwieg Dustin. Da begann es leicht zu nieseln und dann fielen immer mehr dicke Regentropfen hinab. Dustin trat einen Schritt auf sie zu und hielt ihren Arm. Etwas erschrocken zuckte Amy zusammen. Dustin lachte wieder. „Magst du nicht deinen Schirm aufmachen, oder wozu hast du ihn mitgenommen?“ Einen Moment war Amy still, dann lächelte sie und kurz darauf begann sie kurz und fröhlich zu lachen und sagte: „Doch, ich..Entschuldigung.“ Schon spannte sie den Schirm auf. Leise fielen die Regentropfen nun auf den Schirm, wie eine sanfte Melodie. „Du machst nicht oft etwas mit anderen Leuten oder?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich bin eigentlich oft zu hause.“ „Wirklich?“ Erstaunt sah Dustin sie an. „Also wenn du willst kannst du ja mit mir und ein paar Freunden nächsten Monat auf einen Jahrmarkt gehen. Also nur wenn du magst?“ Amy wusste nicht was sie hätte sagen sollen, so lange hatte sie niemand mehr gefragt etwas in der Freizeit mit ihr zusammen zu machen. Dustin schien wohl zu bemerken das sie sichtlich verunsichert war und grinste sie breit an. „Keine Angst, wir beißen nicht.“ Da machte er plötzlich große Augen. „Weist du wie viel Uhr wir haben, ich muss meine kleine Schwester im Kindergarten abholen.“ Amy schüttelte den Kopf. Er hatte also eine kleine Schwester, wie lieb es von ihm war sie vom Kindergarten abzuholen. „Amy, ich melde mich bei dir.“ Und als sie aufsah rannte Dustin schon in voller Hektik davon. Leise wisperte Amy: „Ja, okey Dustin. Bis bald mal.“

Sie machte den Regenschirm wieder zu, es regnete immer noch. Sie faltete ihre Hände zu einer kleinen Kuhle und die Regentropfen blieben in ihrer Hand, es sammelte sich etwas Wasser an und dann als kein weiterer Regentropfen hin zugepasst hätte warf sie ihre Hände nach oben, und es fiel wieder in kleinen Tropfen zu Boden. Ihre Oma hatte ihr einmal erzählt das jeder Regentropfen einen Traum, Wunsch, oder eine Hoffnung eines Menschen darstellte. Amy hatte das traurig gemacht und sie hatte mit Tränen in den Augen zu ihrer Oma in ihren alten Stuhl hingesehen und gesagt: „Aber Regentropfen gehen immer beim Aufprall kaputt.“ Ihre Oma hatte sanft gelächelt und erwiderte: „Tun sie das wirklich? Viele Wünsche die Menschen haben, viele Träume und viele Hoffnungen sind einfach zu groß, man kann nicht alles wahr werden lassen. So fällt der Regentropfen, trifft irgendwo auf und wird zu kleineren Tropfen, so dass aus einem großen vielleicht unmöglichen Wunsch, ein paar kleinere Wünsche werden. Und Regentropfen gehen nicht kaputt Amy, dort wo es regnet, wächst etwas neues, sie beginnen erst nach ihrem Aufprall erst richtig zu leben.“ Da stand ihre Oma mühselig auf und legte etwas Holz in das kleine Feuer am Kamin. Dann strich sie über das kleine Gesicht ihrer Enkelin. „Du bist so ein nettes Mädchen, du solltest nicht weinen.“, sagte sie als eine einzige kleine Träne über Amys Gesicht lief. „...Auch wenn eine Träne das große Zeichen für einen großen, starken Wunsch ist.“ Und schnell husche ein Lächeln über das Gesicht ihrer Oma. 

Ein paar Monate später war sie gestorben, und als Amy davon berichtet wurde hörte sie sich alles an, vergoss aber keine Träne. Viele Angehörigen machten sich Sorgen um sie, dass sie vielleicht unter einem starken Schock steht, doch an der Beisetzung ihrer Oma, als alle Gäste langsam gegangen waren, ging Amy noch einmal zurück zu dem Grab. Sie setzte sich neben den schön gravierten Grabstein, um den herum so viele Blumen lagen und sie begann zu weinen und jede Träne lies sie auf die Erde unter ihr fallen und sie sagte mit zittriger Stimme: „Ich wünsche mir das es dir jetzt besser geht, dort wo du bist.“ - Eine Träne fiel zu Boden. „Ich wünsche mir das du wieder bei Opa bist, und ihr wieder zusammen seit.“ - Eine Träne fiel zu Boden. „Ich wünsche mir..“ Und so saß Amy da, weinte und formulierte mit jeder fallenden Träne einen Wunsch für ihre Oma.




Fünfter Teil




Amy sah schnell in den Spiegel – Er war wieder leer. Immer wenn sie in den Spiegel sah, betrachtete sie ihn mit Gemischten Gefühlen. Das Mädchen im Spiegel hörte ihr immer zu, egal wann und egal was sie erzählte, sie hörte immer aufmerksam zu. Aber das Mädchen im Spiegel fesselte sie auch aneinander, dass war der Tribut, und Amy wusste nicht mehr ob sie das wirklich wollte. Langsam stand sie auf, schob den Rollladen nach oben und machte das Fenster auf. Warm und hell strahlte ihr die Sonne entgegen und unten auf der Straße glänzte und funkelte der weiße Schnee zu ihr hinauf. Ihre Fußspuren waren nicht mehr zu sehen, es musste wohl in der Nacht noch einmal geschneit haben. Noch müde ging sie in das Bad, und lies etwas kaltes Wasser in das Waschbecken laufen, tauchte vorsichtig ihre Hände hinein und spritzte sich etwas davon in ihr Gesicht. Sofort spürte sie die Kälte in ihrem Gesicht und wie sie danach etwas aufgeweckter wirkte. Dann gähnte sie leise. „Ich verstehe das einfach nicht, es ist so schwer.“ 
Schwach tönte die Stimme in Amy´s Ohr. Erschrocken blinzelte sie und wich ein paar Schritte zurück als sie vor sich, in dem kleinen runden Spiegel über dem Waschbecken das Mädchen im Spiegel sah. „Nein, bitte nicht schon wieder, nein.“ Amy schüttelte den Kopf. Doch da sprach das Mädchen im Spiegel mit einer Stimme süß wie Honig ,und liebreizend wie zwei kleine Kinder die miteinander spielten, zu ihr: „Habe keine Angst Amy, ich tue dir nichts. Ich verstehe dich. Ich kenne dich. Ich bin für dich da – Ich bin immer für dich da. Habe keine Angst Amy, keine Angst.“ Langsam sah Amy zu dem Mädchen im Spiegel. Es sah beinahe nicht mehr aus wie ihr Spiegelbild, ja man könnte meinen es ist ein ganz anderes Mädchen. Lächelnd saß das Mädchen im Spiegel im Schneidersitz, trug ein helles, gelbes Kleidchen, bestickt mit vielen kleinen, weißen Blümchen. „Lass uns doch reden Amy, ich kann dir Helfen, Vertraue mir doch bitte wieder.“ Einen Moment wollte Amy sich noch widersetzen, doch die Stimme hallte in ihrem Kopf wieder. Nicht stark, nicht schmerzend. Sanft, leise und zart.

Okey.“ Vorsichtig nickte sie. Es konnte nicht verwerflich sein, vielleicht war Amy einfach ungerecht zu ihr gewesen. Ja sie selber war bestimmt daran Schuld das es ihr momentan nicht sehr gut ging.Da hüpfte das Mädchen im Spiegel fröhlich auf und tapste langsam davon und rief: „Komm mit Amy, lass uns reden. Komm Amy, komm.“ Und schon war es nicht mehr zu sehen. Irritiert stand Amy da und überlegte was sie nun tun sollte, doch da erklang die sanfte Stimme schon aus dem Flur heraus: „Komm mit Amy, lass uns reden. Komm Amy, komm.“ Amy tat wie geheißen und ging in den Flur, hin zum großen Spiegel an der Garderobe und da sah sie nur noch wie das Mädchen im Spiegel wieder lachte und weiter hüpfte.

Und kurz darauf hörte sie wieder die Stimme, doch diesmal klang sie näher, klang sie stärker – klang sie echter.

Amy ging langsam in das Wohnzimmer. Sie blickte langsam um die Ecke hinein in die Küche. Aber in der Küche war noch nie ein Spiegel gewesen, wie konnte..? - Doch wieder hörte sie die Stimme. Sollte sie es wagen in die Küche zu gehen – Hatte ihre Mutter vielleicht einen weiteren Spiegel gekauft ohne das Amy es mitbekommen hatte, oder war sie nun vollends verrückt geworden? War sie überhaupt verrückt, oder hatte sie einfach eine bessere und ausgeprägtere Fantasie als andere Menschen?
Doch als sie in der Küche stand sah sie da niemanden, und auch keinen Spiegel. Erleichtert seufzte Amy auf. Plötzlich berührte etwas kaltes ihre Hand. Sie zuckte schnell zusammen, und wich hastig zurück. Da vor ihr stand, nein das konnte unmöglich wahr sein. Sie stieß gegen den Küchentisch, rutschte aus, landete auf dem Boden. Wie..?!
Ein Lächelndes Gesicht beugte sich über das Ihre und strahlte sie an.
Zwei Rehaugen, so grün wie ein Blatt und glänzend wie eine Scheibe die von der Sonne angestrahlt wird. Große Wimpern schlugen auf und ab und ein kleiner, zarter Mund grinste so breit wie er nur konnte. Um die Nase herum waren viele, sehr viele winzig kleine Sommersprossen, so klein das man sie beinahe nicht erkennen konnte.
Amy wich noch etwas weiter zurück und bemühte sich aufzustehen. Das Mädchen vor ihr, stellte sich vor sie, die Schulterlangen Haare waren von dem selben schönen Blond wie Amys Haare.
Das kann unmöglich die Wirklichkeit sein, ich muss träumen!“, stammelte Amy zitternd vor sich hin. Das Mädchen vor ihr lächelte wieder und sagte: „Nur weil es vielleicht ein Traum sein könnte, muss es doch nicht unwahr sein? Deine Mutter selber sagte doch oft ´Amy, lass deine Träume real werden. Oder nicht?“ Aber nicht dieser Traum, nicht so etwas, dachte sich Amy. „Hab keine Angst, dass ist doch toll, jetzt können wir ganz viel Zeit miteinander verbringen und viel Spaß zusammen haben, du musst nie wieder alleine sein!“ 
Amy erwiderte nichts und starrte einfach weiter auf das Abbild ihrer Fantasie vor sich. „Ich möchte was unternehmen Amy, lass uns raus gehen, ich möchte auf den Spielplatz.“ Amy stutzte kurz bevor sie etwas sagte. „Du, du willst auf den Spielplatz?“ Was sollte sie dagegen tun? Sie war bestimmt noch in einem Traum, so musste es sein. Im Treppenhaus hüpfte das Mädchen froh die Treppen hinunter und als sie an dem Spielplatz, der nicht weit von ihrem Haus entfernt war, angekommen waren, rannte es schnell auf die rutschte zu. Amy war froh das sonst niemand dort war, so musste sie niemandem erklären wer dieses Mädchen war. Würden andere Menschen ihre absurde Fantasie überhaupt erkennen? Amy seufzte leicht und setzte sich auf eine der beiden Schaukeln und schwang leicht vor und zurück.



Sechster Teil




Kommst du Amy?“ Kräftig zog das kleine Mädchen ihre Hand, mit einer Kraft die man dem zarten Körper gar nicht zugetraut hätte. Mit leeren Augen blickte Amy hinab zu ihr. Sie war ziemlich kraftlos, alle Energie schien sie für das Mädchen im Spiegel zu opfern. Dieses zupfte energisch an Amys Pulli. „Einen Namen.“ Verwirrt runzelte Amy die Stirn. „Was meinst du?“ Das kleine Mädchen lachte. „Ich habe keinen. Gib mir einen Namen, ich will auch einen haben.“ Ausdruckslos erwiderte Amy: „Wie würdest du den gerne heißen?“ Bestimmend sagte sie: „Tiffany!“ Amy wusste zwar nicht ob es gut war wenn sie ihren eigenen Einbildungen schon feste Namen gab, aber was sollte sie schon tun. Hätte sie etwas dagegen gesagt, hatte das Mädchen einfach so lange genervt bis sie zum Schluss doch zugestimmt hätte.

So hatte das Mädchen im Spiegel nun den festen Namen Tiffany und Amy schien jede Sekunde für sie zu verbrauchen. Aber sie wollte sich nicht darüber beschweren, denn es ging ihr scheinbar gut. Sie hatte jetzt die ganze Zeit jemanden zum reden und war nie alleine, egal was sie machte. Sie konnte wieder lachen und war nicht einsam. Amy fühlte sich wie eine gespaltete Persönlichkeit, einerseits fand sie es immer toll das jemand bei ihr war und sie nicht einsam war, aber etwas in ihr sagte immer wieder das es Falsch war und das sie verrückt geworden war. Ein paar Mal hatte Amy überlegt ihrer Mutter etwas zu erzählen, aber alleine die Vorstellung so etwas zu erklären, kam ihr total banal vor und sie hatte Angst das ihre Mutter sie einfach auslachen würde, oder zu einem Arzt schicken würde. Das wollte sie nicht.
Das wollte auch Tiffany nicht. Immer wenn Amy kurz davor war, jemanden einzuweihen, flüsterte sie ihr immer zart zu und stimmte sie um. Amy´s Mutter war nicht entgangen das Amy öfters draußen war und als sie von der Arbeit zurück kam und Amy drinnen lachen hörte wollte sie sich doch mal erkunden, was den der Ursprung zu ihrer Naturliebe gewesen sei. Lächelnd kam sie in das Zimmer ihrer Tochter und setzte sich zu ihr aufs Bett. „Liebes, mir ist aufgefallen du bist häufiger draußen.“ Amy dachte das sie jetzt bestimmt Ärger bekommen würde und setzte vorsichtshalber schon ein Schuldbewusstes Gesicht auf. „Schau mich nicht so an.“ Ihre Mutter lachte und zwinkerte. „Ich weiß doch was dahinter steckt.“ Da wurde Amy ganz blass und stotterte: „Du..du weist es?!“
Und wieder zwinkerte ihre Mutter ihr zu, was Amy sehr abstrakt vorkam. „Natürlich. Ich weiß noch als ich jung war, und das erste mal richtig verliebt, da habe ich mich ständig raus geschlichen. Also raus damit: Wer ist es der dein Herz erobert hat?“ Da wich Amy ihr bleiches Gesicht sofort und die Röte schoss ihr ins Gesicht. „Ein Junge? Nein, dass...nein!“ Ihre Mutter stand auf und ging wieder aus dem Zimmer, drehte sich kurz um und lächelte kurz bevor sie wieder total komisch zwinkerte. Kaum war die Tür wieder zu ertönte ein schallendes Lachen neben Amy: „Was sollte den das? Hat deine Mutter epileptische Anfälle oder was?!“ Auch Amy musste Lachen. Sie lachte laut und vor lauter Lachen tat ihr Bauch weh und da musste sie noch viel mehr Lachen. „Ein Junge, klar!“ Tiffany kicherte ebenfalls: „Wer sollte dich den schon lieben, dich ein Nichts!“
Moment...“ Amy hielt inne. Hatte ihre Mutter vielleicht gar nicht so unrecht? Nein, sie war nicht verliebt. Aber ein Junge, ja ein Junge war da. „Dustin..“, hauchte sie leise. „Was?!“, fauchte Tiffany. „Dustin will mit mir auf einen Jahrmarkt gehen...“ Tiffany zuckte zusammen. „Was willst du denn da? Niemand wird dich da haben wollen. Sie werden dich alle auslachen!“ „Aber Dustin war nett zu mir! Du irrst dich bestimmt...“
Wieso sollte ich mich irren Amy? Haben dich deine Freundinnen damals nicht alle ausgelacht? Haben sie nicht alle auf dich gezeigt. Niemand will etwas mit dir zu tun haben, sie können dich alle nicht leiden und da denkst du das auf einmal ein Junge wie Dustin ankommt und dich mag? Denkst du das irgendjemand dich überhaupt mag?! Ich bin die einzige Person die dir zuhört, die dir Vertraut und die immer da ist für dich.“
Zuerst schluchzte Amy, dann begann sie zu weinen, eine Träne nach der anderen purzelte aus ihren Augen hinaus. Tiffany setzte sich neben sie und legte einen Arm um Amys Schulter. „Du musst doch nicht traurig sein. Du brauchst diese Menschen nicht. Du brauchst keine Freunde und keinen Dustin. Ich bin alles was du brauchst, mit mir zusammen bist du niemals einsam, ein Leben lang. Mit mir...“
Tiffany redete und redete und Amy weinte die ganze Zeit über und sagte nichts. Nur in ihren Gedanken, dem letzten freien Rückzugsort vor dem Mädchen im Spiegel, dachte sie wie damals mit jeder Träne an einen Wunsch: Bitte, bitte lass Dustin mich doch mögen. Bitte, lass Tiffany unrecht haben. Ich will nicht alleine sein, ich möchte nicht nur einfach jeden Tag überleben, ich will leben! Bitte, bitte...“
Aber die Worte von Tiffany hatten gewirkt und so traute sich Amy wieder nicht aus dem Haus und blieb die gesamte Zeit in ihrem Zimmer und der Rollladen blieb auch konsequent unten. Der Schnee und die Sonne gefielen Tiffany nicht mehr, sie wollte es dunkel haben. Durch die Tatsache das Amy nur in ihrem dunklen Zimmer war schlief sie die meiste Zeit und aß nur sehr wenig. Ihre Mutter erkundigte sich zwar was den los sei, doch Amy meinte nur sie hätte sich eine Erkältung eingefangen. Wenn ihre Mutter dann wieder weg war, kuschelte sich Tiffany an Amy und redete etwas vor sich hin. Nie würde sie jemand trennen, denn nur zu zweit waren sie wirklich glücklich. Irgendwann schlief sie dann immer ein und wie sie so ruhig neben Amy lag, konnte man meinen alles wäre gut. Unschuldig hob und senkte sich der Brustkorb des kleinen Mädchen, wie der eines Kindes das den gesamten Tag herum gerannt war und Abends müde ins Bett fiel.
Vorsichtig stand Amy dann auf und so leise wie sie könnte öffnete sie den Rollladen und öffnete das Fenster vorsichtig. Es schneite wieder, jeden Tag fielen mehr Weiße Flocken zum Boden und immer mehr waren die Gehwege zu geschneit. Doch schon nach kurzer Zeit merkte sie wie der Schlaf von Tiffany unruhiger wurde, dann schloss sie wieder alles und legte sich zu ihr zurück und schlief ebenfalls wieder ein.

Amy? Amy?“ Laut klopfte ihre Mutter gegen ihre Tür. „Amy ich komm jetzt rein!“ Und kurz darauf stand ihre Mutter im Zimmer. Rasch ging sie zum Fenster und hob sich energisch die Nase zu. „Hier ist vielleicht ein Gestank! Amy steh auf, ein Junger Mann ist da, er möchte dich sehen.“ Verschlafen blickte Amy zu ihrer Mutter, dann hielt sie sich die Augen zu, denn das Sonnenlicht blendete sie regelrecht. „Ein Junge?“ Amys Augen wurden ganz groß. Schnell sprang sie aus dem Bett. „Wer ist es denn, wer?“, fragte sie ungeduldig. Wurden ihre Wünsche erhört? Voller Erwartung blickte sie aus ihrem Zimmer. „Ich habe Doktor Jacobs angerufen, er soll sich dich mal ansehen.“
Enttäuscht plumpste Amy zurück auf ihr Bett. Also doch nicht. Sie hätte es sich denken können. Schon kam er in ihr Zimmer. Früher hatte sich Amy Ärzte wie in den tollen Filmen vorgestellt, Weiße Anzüge und eine dicke Brille auf der Nase. Doktor Jacobs hatte ein einfaches Weißes T-Shirt an und keine Brille. Kurze Blonde Haare hatte er und leichte Bartstoppeln. „Hallo Amy, na wie geht’s dir?“ Sie zuckte nur leicht mit den Schultern. „Ganz gut denke ich.“ Sofort erkannte Dr. Jacobs die Blässe in Amys Gesicht und tiefe Augenringe. Amy musste aufstehen und ein paar Tests über sich ergehen lassen, sie sollte ein paar Kniebeugen machen und mal etwas schneller mal etwas langsamer atmen, während Dr. Jacobs ihren Herzschlag abhörte. Dann maß er noch ihren Blutdruck, schwieg kurz und lächelte dann aufmunternd. „Ich denke das ist vollkommen eindeutig. Alles was dir fehlt ist viel frische Luft und etwas Sonne. Ich denke alles was deinem Körper wirklich fehlt ist eine gute Portion an Vitamin D und diese bekommst du von der Sonne. Dann wird dein Immunsystem wieder gestärkt und für die Psyche allgemein ist Sonne nie verkehrt. Wenn du das gemacht hast, solltest du wieder komplett fit sein.“
Erleichtert schüttelte ihre Mutter dem Arzt die Hand und bedankte sich für sein schnelles Erscheinen. Sie bot ihm noch an eine Tasse Kaffee zu trinken und da er ohnehin mehr Zeit für die Untersuchung eingeplant hatte nahm er dankend an.
Kaum waren die beiden draußen schlurfte Amy wieder zu der Tür und machte sie etwas genervt zu. „Ich mag keine Sonne!“, ertönte es leise unter der Bettdecke. Amy seufzte. „Du hast den Arzt doch gehört. Wenn ich nicht tue was er sagt wird mich meine Mutter hinaus an die frische Luft schleifen.“ Vorsichtig spähte Tiffany unter der Decke hervor. „Dann lass uns doch morgen raus gehen. Überlege dir nur mal wenn wir draußen sind und dann sehen wir Dustin mit seinen Freunden, dass wird dir nur noch deutlicher klar machen, dass er dich nicht mag.“ Amy schluckte. Sie war bereits enttäuscht, da wollte sie nicht noch mit klarer Gewissheit sehen, was bereits Wirklichkeit war.
Mit etwas lieber Überredungskunst und dem Versprechen den Müll hinaus zu bringen, willigte ihre Mutter ein das Amy erst morgen raus gehen sollte.
Kurz sah sie dann noch aus dem Fenster aber natürlich war dort niemand. Traurig schloss sie einen Moment die Augen, stellte sich vor wie Dustin unten am Fenster stand. Einfach da stand und zu ihr hinauf lächelte. Er müsste kein Wort sagen, ein Lächeln wäre ihr genug. Nur ein Lächeln. Aber das würde nie passieren. Niedergeschlagen legte sich Amy wieder ins Bett und schlief ein.
Sie träumte sehr schlecht: Eine lange Straße, viel zu lang um ein Ende zu erkennen wenn sie denn eines hatte und sie rannte und rannte, hoffte irgendwann am Ziel anzukommen. Grässliche Gesichter flogen um sie herum und lachten hämisch, machten sie mürbe. Irgendwann hatte sie alle Kraft verbraucht und brach unter einem Lauten Schrei zusammen. Die grässlichen Gesichter kamen immer näher sie riefen nach ihr – schrien ihren Namen. „Geht weg, geht weg!“ Schweißgebadet schnellte Amy aus ihrem Traum hoch. Ihre Mutter saß neben ihr und rief nach ihr. „Amy? Amy da ist ein Junge an der Tür, er meinte ihr kennt euch. Amy?“ Ihre Augen wurden ganz groß. Sie musste wohl noch träumen. „Na los Süße, zieh dir etwas gescheites an ich bitte ihn schon mal rein.“ Und schon verschwand ihre Mutter und sie hörte nur wie jemand begrüßt wurde. Dann verstand sie endlich. Dustin! So schnell sie konnte stand sie auf, und zog sich so schnell um wie noch nie. Nichts besonderes, ein einfaches schwarzes Top und eine normale Jeans. Sie hörte wie ihre Mutter einen Kaffee aufsetzte und beeilte sich noch mehr. Schnell frische Socken an – Weiße oder doch Schwarze? Ach egal, schnell angezogen, noch die Ballerinas an, die Haare zurecht gewuschelt und dann nichts wie in die Küche!
Amy...“ Die Stimme klang so traurig, dass Amy über ihre eigenen Klamotten stolperte und in dem ganzen Haufen an Klamotten und Schuhen landete die sie in der Hektik aus dem Schrank gerissen hatte. Es war Tiffany, traurig und trotzig hatte sie sich direkt vor die Tür gestellt, einen von Amys Kuscheltieren im Arm. „Lass mich nicht alleine. Er ist bestimmt nur zu kommen um dir klar zu machen, dass du ihn in Ruhe lassen sollst. Er wird dir nur weh tun, bitte du musst auf mich hören.“ Draußen kamen Schritte immer Näher. „Amy hör auf mich! Er will dich nicht! Niemand will dich!“ Ein dunkler Schatten legte sich über Tiffanys Gesicht, Zorn, Wut und Hass lagen in ihrem Gesicht. „Du darfst nicht gehen, sie werden dich nur verletzen. Aber was erwartest du anderes? Du bist ein Nichts!“ Ihre Stimme wurde immer Lauter und Fauchender, beinahe drohte sie sich zu überschlagen. „Dustin ist nichts für dich. Schau dich doch mal an, du bist Dreck!“
Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Dustin stand im Türrahmen. „Amy..?“ Dustin neigte seinen Kopf leicht und lächelte sie an. Völlig verstört saß Amy da, inmitten der Sachen, noch total aufgelöst von Tiffanys Worten und geschockt von Dustins plötzlichem Erscheinen. „Alles okey?“ Er lachte leicht und reichte ihr eine Hand. Sofort erinnerte sich Amy an die Nacht im Schnee, die Situation war beinahe Identisch könnte man meinen. „Du bist wirklich...“ Sie stotterte und ihr wurde wahnsinnig warm. „Dustin.“ Stammelte sie fassungslos.
Er half ihr hoch und sah sie erwartungsvoll an. „Amy?“ Schnell trat sie einen Schritt auf ihn zu. „Ja?“ Sagte sie beinahe Sehnsüchtig. „Der Jahrmarkt, schon vergessen? Wir wollten zusammen hingehen, oder hast du keine Lust?“ „Keine Lust?“ Entsetzt holte sie tief Luft. „Ich dachte du würdest nicht kommen, weil du dich gar nicht mit mir treffen willst. Weil du mich nicht magst, oder mich komisch findest, ich dachte nie das du wirklich mit mir hingehen wolltest. Klar ich habe es gehofft aber..“ „Was hätte das für einen Sinn gehabt wenn ich dich gefragt hätte aber nicht mit dir dort hingehen wollte? Natürlich möchte ich mit dir hin gehen, am besten sofort. Die anderen sind schon eine Weile da und alle warten auf uns, sie freuen sich bereits dich kennen zu lernen. Also kommst du?“ Und dann lächelte er wieder. Dieses wundervolle Lächeln das so viel Wärme ausstrahlte. Wenn es nach Amy ginge könnte er die gesamte Zeit lächeln. „Ja, klar ich bin fast fertig einen Moment noch.“ Sie ging schnell ins Bad, trug etwas Parfum auf und achtete dabei darauf, die Tür offen zu lassen und nicht in den Spiegel zu sehen. Nur kurz bevor sie raus ging, blickte sie schnell in den Spiegel und sagte leise: „Ich hatte Recht..“
In der Küche saß Dustin und unterhielt sich mit Amys Mutter. „Wir können los“, sagte sie schnell. Ihre Mutter drückte ihr noch flink etwas Geld in die Hand, lächelte verschmitzt und dann zwinkerte sie wieder. Amy verdrehte die Augen und schloss schnell die Tür. „Warst du den schon einmal auf einem Jahrmarkt?“, fragte sie Dustin während sie die Treppen hinunter gingen.
Von Oben hörte sie wie jemand verzweifelt an die Fensterscheibe klopfte und laut schrie. Amy versuchte den Gedanken an Tiffany zu bekämpfen und lief etwas schneller. 





Siebter Teil


„Und du bist sicher das deine Freunde mich dabei haben wollen?“ Unsicher knabberte Amy leicht an ihren Fingernägeln vor lauter Aufregung. Sie fragte das bestimmt schon zum Fünften Mal, aber sie wollte lieber auf Nummer sicher gehen. Dann könnte sie immer noch nach hause gehen oder irgendwo anders hin - nur zur Last fallen, dass wollte sie keinem. „Es ist gar nicht mehr weit, bald sind wir da.“ Und Dustin hatte Recht, aus der Ferne sah man schon ein paar Bunte Lichter.
„Du warst wirklich noch nie in deinem ganzen Leben auf einem Jahrmarkt? Also so wirklich noch nie?!“
Amy nickte. „Bei uns auf dem kleinen Dorf gab es so etwas nicht.“ „Aber wie ein Jahrmarkt aussieht das weist du doch bestimmt, oder siehst du auch nie Fernsehen?“ Sie zuckte nur leicht mit den Schultern und sagte dann: „Ein wenig ja, ich weiß was ein Riesenrad ist und das dort immer sehr viele Menschen sind, aber ich sehe nicht viel Fernsehen, dem konnte ich noch nie wirklich etwas Abverlangen.“
Eine Weile liefen die beiden einfach schweigend vor sich hin und nach und nach waren auch schon immer mehr Menschen zu sehen und dann waren sie endlich da und für Amy schien es wie ein riesiger Farbtopf: Überall hingen Girlanden und Lichterketten in den unterschiedlichsten Farben. Dicht drängte sich ein Verkaufsstand an den nächsten und für jeden war etwas dabei. So konnte man klassisch Dosen werfen oder Zuckerwatte essen, aber auch kleine „Bingo“-Stände gab es, oder ein Verkaufsstand mit Losen. Andere lockten mit allerlei Süßigkeiten oder kleinen Figuren, und jeder Stand hatte seinen Eigenen Duft so konnte man meinen, die Nase war erfüllt von unterschiedlichsten Gerüchen und jeder schien noch ein Stückchen Verlockender und Süßer als der andere. Der Jahrmarkt war trotz seiner Fülle gut aufgeteilt: Fahrgeschäfte und Verkaufsstände waren gut voneinander getrennt und der Weg zwischen beiden wurde auch von Bunten Laternen beleuchtet. Die Hauptattraktion war sichtlich das Riesenrad, dass noch heller und bunter Leuchtete als alles andere. Beinahe ehrfürchtig sah Amy hinauf und war sichtlich fasziniert. „Amy das sind...Amy?“ Er stupste sie leicht und sie wand den Blick von dem Riesenrad ab und bemerkte erschreckt das einige Leute um sie und Dustin herum standen. „Oh, hallo. Tut mir Leid.“ Sie kauerte ein wenig in sich zusammen und sah hilflos zu Dustin. „Amy das ist Sandra und das Charlie, und das..“ Nach und nach stellte Dustin Amy allen vor und diese war erstaunt wie gut doch alle aussahen, noch nie hatte sie so schöne Mädchen gesehen. Jede hatte ihre Haare zurecht gemacht und sich geschminkt. Amy kam sich vor wie Aschenputtel, ihre Haare waren etwas zerzaust und Schminke hatte sie gar keine Aufgetragen. Nachdem Amy allen vorgestellt worden war, schlenderte die Gruppe gemächlich über den Jahrmarkt und ab und an hielten sie an einem Stand an um etwas zu kaufen.
Als sie an einem großen Karussell ankamen, wollte jeder damit fahren, doch Amy zögerte zunächst und erst als Dustin ihr versichert hatte das ihr nichts passieren würde, stieg sie auch ein. Leicht zitternd hielt sie sich an dem kleinen Metallkasten fest in dem sie saß und immer schneller drehte sich das Karussell nach oben. Vor lauter Angst drückte Amy ihre Augen zu, doch als ihr übel wurde entschied sie sich doch vorsichtig die Augen zu öffnen und nach anfänglichem Zögern machte sie die Augen ganz auf und war begeistert vor dem Gefühl. Sie fühlte sich frei, so schwerelos und ohne Sorgen. Aus einem Lächeln in ihrem Gesicht wurde ein lautes Lachen und alles schien ihr möglich. Mit Glück im Gesicht, sah sie zu den anderen: Sandra winkte ihr fröhlich zu und Amy machte es ihr gleich. Dustin hatte überhaupt keine Hand irgendwo fest, wie ein Flugzeug streckte er seine Arme aus. Alle lachten nur ein paar Jüngere Kinder hatten Angst und wagten keinen einzigen Blick. Als die Fahrt beendet war und Amy langsam wieder auf dem Boden stand merkte sie das ihr ganzer Körper vor Aufregung zitterte und nach ein paar Schritten wurde ihr schlecht. Lachend kam Dustin zu ihr. „Alles okey?“ Amy nickte lächelnd. „Ja, muss mich nur kurz setzen. Geht ihr ruhig nochmal, dass macht nichts, wirklich.“ Und so sah sie lächelnd von unten zu wie die anderen sich wieder in die Hohe schraubten. Sie sah sich kurz um und beschloss etwas Zuckerwatte zu kaufen und kurz darauf saß sie mit einem großen Ball aus Zuckerwatte da und zupfte sich Stück für Stück ab und erfreute sich an dem Treiben um sich herum. Überall sah sie nur fröhliche Gesichter, allen schien es gut zu gehen und das tat auch ihr gut. Am liebsten würde sie die ganze Nacht hier bleiben, doch sie wusste ja noch nicht einmal wie viel Uhr im Moment war, doch nach einer Uhr umsehen wollte sie sich auch nicht, dazu war der Moment viel zu schön, als das sie hätte ihn in Zeit fassen wollen.


Eine kalte Brise kam auf und fröstelnd zog Amy ihre Jacke enger zu und zog die Schultern an. Der Wind wirbelte etwas Wind auf und fasziniert sah sie zu wie die kleinen Schneekristalle hoch schnellten und sich dann glitzernd auflösten.
„Toller Abend oder?“
Amy erstarrte. Sie richtete ihren Blick starr auf das Karussell und hoffte auf ein schnelles Ende der Fahrt.
„Erst letztens ist ein Kind in einem Fahrgeschäft umgekommen, komische Dinger.“
Angestrengter blickten ihre Augen auf das Karussell, jeder Muskel ihres Körpers war angespannt.
„Netter Junge dieser Dustin. Wirklich lässt dich hier alleine, netter Junge..netter Junge.“
Fieberhaft versuchte Amy zu widerstehen, doch sie schaffte es nicht.
Sie holte tief Luft und sah neben sich. „Was..was hast du hier zu suchen? Merkst du nicht das es mir gut geht, dass ich Spaß habe?“
Große, schwarze Augen blickten zu ihr auf und ein Mund tief nach unten gezogen schmollte sie an.
„Und was ist mit mir, ich habe keinen Spaß. Ich bin alleine. Ich werde alleine gelassen von dir.“
Angenervt rollte Amy mit den Augen und seufzte.
„Ich lasse dich nicht alleine. Ich wollte nur mal etwas mit anderen Leuten machen und Dustin mag mich. Wirklich.“
„Du lässt mich alleine. Ich will nicht alleine sein, verstehst du? Ich will nicht alleine sein!“ Schon klammerte sich das kleine Mädchen an Amys Arm und dicke Tränen kullerten über die kleinen Backen herunter. Amy blickte starr vor sich. Das Karussell hatte wieder angehalten und Dustin winkte ihr zu und auch die anderen warteten das sie wieder zu ihnen kam. Amy wollte aufstehen doch das kleine Mädchen klammerte sich fest und zog sie wieder hinunter auf die Bank. „Lass..mich...nicht alleine!“ Voller Zorn schrie das kleine Mädchen sie an. „Nie wieder!“ Und immer stärker hob sich das Mädchen an ihr fest. Schmerzhaft spürte Amy die Fingernägel auf ihrer Haut als das Mädchen an ihr zerrte. „Hör auf..bitte, lass es.“ Amy flüsterte es ganz leise, sie wollte nicht zu laut sein, sie wollte nicht das Dustin hörte was sie sagte, sie wollte sich nicht vorstellen wie bescheuert sie jetzt wohl aussah und sie wollte wieder zu Dustin. Vorsichtig blickte Amy auf das kleine Mädchen und erschrocken riss sie die Augen auf: Alle Niedlichkeit war aus dem Gesicht des kleinen Mädchen verschwunden und ein paar schwarzer Augen voller Hass und Wut blickten ihr entgegen. Alle Fingernägel bohrten sich in ihre Haut, zogen schmerzhafte Furchen und immer wütender schrie das kleine Mädchen: „Nie wieder lässt du mich alleine, du bist ein Nichts, ich bin alles, Alles was du hast!“ Und dann schrie sie einfach nur, schrie und schrie.
Amy dachte ihre Ohren müssen bersten und immer verzweifelter versuchte sie sich aus dem Griff zu befreien, doch sie kam nicht los.
Da griff auf einmal eine andere Hand nach ihr und zog sie schnell in die Höhe. Sofort verschwand der Schmerz und die Schreie. Wie betäubt versuchte Amy zu sehen wer sie da gerade nach oben gezogen hatte. „Dustin..“
Er kam ein bisschen näher zu ihr und grinste. „Von da hinten sah es aus als ob du wie wild gezappelt hast, alles okey bei dir?“
„Ich..ich weiß es nicht, ich denke schon. Jetzt wieder ja.“
Einen Moment war sie still dann blickte sie unsicher zu ihm. „Dustin..?“ „Hm?“ „Ich weiß das klingt jetzt bestimmt komisch aber..kannst du auf mich aufpassen? ...bitte bleib bei mir, lass mich nicht alleine.“
Irritiert sah er sie an und lächelte wieder. „Klar, kein Problem, ich lass dich nicht alleine...komm, wir gehen wieder zu den anderen.“ Amy nickte etwas beruhigt und langsam gingen sie in die Richtung der anderen. Auf einmal nahm Dustin ihre Hand. „Was machst du da..?“ Er streckte ihr nur die Zunge raus und sagte: „Ich passe auf dich auf.“


Die anderen murmelten alle etwas als sie sahen das Amy und Dustin Händchen hielten und warfen sich vielsagende blicke zu, aber direkt etwas dazu sagen tat niemand. Nach und nach gingen sie an jedem Stand vorbei und schon bald hatten sie alles gesehen und nun blieb nur noch eines übrig: Das Riesenrad.
Und durch kleine Lautsprecher an den Ständen erfuhren sie das es heute auch noch ein großes Feuerwerk als Highlight geben sollte.
Zuerst aber holte sich jeder eine kleine Tüte mit Süßigkeiten und keine Sekunde lang lies Dustin Amys Hand los. Zuerst war sie recht verkrampft gewesen und fühlte sich total unsicher doch mit jedem Schritt und Stand mehr, hatte sie Freude daran so dicht an Dustin zu sein und seine Hand zu fühlen. Er machte immer wieder Witze und lächelte sie dann immer an. Amy lachte dann über den Witz und lächelte auch vorsichtig. Die Süßigkeiten teilten sie schon beinahe liebevoll. Bevor sie zum Riesenrad gingen kaufte sich Amy nochmal eine große Portion Zuckerwatte und zupfte ungeduldig daran herum als sie in der Warteschlange des Riesenrades waren. „Muss ich da oben eigentlich Angst haben, kann da irgendwas passieren?“ Und wie so oft lachte Dustin. „Klar, die Gondel könnte sich losreißen, dass Gestell sich lösen, ein Blitz einschlagen ein Erdbeben das komplette Rad umwerfen...aber dir wird nichts passieren.“ Mutig stupste sie ihm auf die Brust und fragte fordern: „Und woher willst du das wissen?!“
„Woher?“ Er grinste und deutete auf ihre Hand. „Ich passe auf dich auf, schon vergessen?“

Dustin hielt ihr das Türchen zu der Gondel auf und lächelnd stiegen beide ein. Die anderen fuhren auch jeweils in Zweier Pärchen. Die Gondeln waren sehr alt, aber noch in einem hell leuchtenden Rot und man saß nicht in einer Art gläserner Käfig sondern konnte die Arme noch richtig hinaus strecken.
Bei der Wahl des Platzes überlegte Amy recht lange: Mann konnte sich gegenüber sitzen oder auf einer Seite eng nebeneinander oder aber nebeneinander mit reichlich Abstand wenn man nicht näher rückte. Sie beschloss sich auf eine der beiden Seiten zu setzen, Dustin sollte dann entscheiden. Sie musste selber schmunzeln als sie hoffte das er sich sofort neben sie setzen würde, doch er setzte sich ihr gegenüber und grinste wieder nur.
Die Türen schlossen sich und Amy wurde ganz aufgeregt vor Spannung. Die metallene Stimme des Ausrufers klang durch einen Lautsprecher der direkt an der Gondel befestigt war: „Hallo und herzlich willkommen bei unserer letzten Fahrt für den Abend. Gut festhalten und genießen sie den Ausblick, jetzt geht es los!“
Diese Ansage war zwar etwas zu übertrieben für ein solch ruhiges Fahrgeschäft aber erfüllte dennoch seinen Zweck. Langsam setzte sich das Riesenrad in Bewegung, und Amy strahlte jetzt schon bis über beide Ohren. Als sie ein Stück weiter oben waren, blickte sie kurz zu Dustin und merkte das er sie beobachtete.
„Diese Aussicht ist einfach unglaublich schön.“, sagte sie grinsend. Er nickte und blickte ihr weiter einfach in die Augen. „Du auch.“ „Ich?“, stammelte Amy zurück und schüttelte dann schnell den Kopf, als sie merkte wie sie rot wurde. „Amy ich hab dich echt gerne.“ Sanft verstärkte er den Druck auf ihre Hand.
Etwas traurig erwiderte sie: Ich dich doch auch..aber ich bin komisch Dustin..vielleicht solltest du mich nicht mögen, vielleicht wäre das besser für dich.“ Verdutzt sah Dustin sie an. „Aber was redest du da? Du bist wundervoll, so wie du bist.“
„Ich bin komisch...mm.“, sie holte tief Luft. „Vielleicht bin ich verrückt ja. Ich bilde mir Dinge ein die nicht wirklich sind. Aber immer wenn ich bei dir bin, verschwinden sie. Diese Dinge machen mich wahnsinnig, sie verzehren alle Kraft in mir, aber..aber du hältst das irgendwie auf, du machst mich Gesund. Du machst mich Glücklich, du..“ Dustin unterbrach sie und sagte: „Ich habe auch nicht vor einfach weg zu gehen. Ich bleibe bei dir solange bist du sagst ich soll gehen. Ich höre dir solange zu bis du nichts mehr zu reden hast. Ich halte deine Hand so lange bis du meine loslässt. Ich gehe nicht einfach wieder weg und verschwinde aus deinem Leben.“ „Och Dustin, du..“ Eine Träne kullerte ihre Backe herunter vor Freude. „Hey, hey du musst doch nicht weinen.“ Er wollte ihr die Träne gerade aus dem Gesicht wischen als ein Ruck durch das Riesenrad ging. Die Gondel wackelte und schaukelte hin und her, dann stand alles still. Erschrocken blickte Amy hinunter und beinahe wäre sie drüber gekippt als sie unten mitten zwischen den Menschen das Mädchen sah. Ihre schwarzen Augen hatten sie fixiert und das Gesicht war völlig regungslos. Die Haare waren auf einmal vollkommen schwarz und es trug ein ebenso dunkles Kleid.
Dustin rückte hinter Amy und legte seine Arme um sie. „Alles okey, dass hat alles seine Richtigkeit. Ich passe auf dich auf.“
Amy hörte die Worte wie von weit weg klingen und sah mit großen Augen auf das Mädchen. Wie durch Magie ragten auf dem schwarzen Kleid weiße Linien hervor und schlängelten sich über das gesamte Kleidungsstück und aus den Linien brachen Knospen hervor, sie entfalteten sich und immer mehr wurde das Kleid überseht von einem hellen Weiß, bis es komplett diese Farbe hatte. Das ausdruckslose Gesicht des Mädchens schien einen Moment zu erstarren, dann lächelte sie. Sie lächelte, drehte sich um, lief ein paar Schritte und verschwand.

Da hörte sie wieder Dustins Stimme: „Schau: Es geht los.“ Und mit einem zischen Schoss die erste Rakete in die Luft und sprenkelte den Himmel in strahlenden Farben. „Das Feuerwerk.“, flüsterte Amy lächelnd und blickte zu Dustin. Einen Moment blickten sie sich einfach nur in die Augen, dann näherte sich Dustin ihr langsam und küsste sie.
Etwas in Amy jubilierte und fühlte sich frei, sie wollte laut schreien vor Freude. Die Augen noch geschlossen, begann sie zu lächeln und auch als sie wieder unten bei den anderen waren, wollte dieses Lächeln nicht verschwinden, so glücklich war sie.
Dustin sagte das er Amy noch nach hause bringen wollte und so verabschiedeten die beiden sich von all den anderen und langsam liefen sie weg von dem Jahrmarkt, dem Riesenrad, und diesem magischen Abend.
Lange redeten sie und als sie vor Amys Haustüre waren grinste Dustin nochmal. Und auch Amy grinste.
„Amy?“
„Ja?“
„Ich passe auf dich auf. Amy? Ich liebe dich!“
Langsam ging Amy zur Tür und lächelte glücklich.
„Ich dich auch.“