Sonntag, 2. Dezember 2018

Die "richtige" Erziehung (?)

"Ich habe euch damals so erzogen wie ich es für richtig empfand.", sagt mir meine Mutter oft, wenn ich mich mit ihr über neue Erkenntnisse während meiner Ausbildung oder meinem jungen Studium unterhalte. In Gesprächen mit anderen Leuten, welche bereits Kinder großgezogen haben, höre ich öfters: "Ich hab bestimmt nicht immer alles richtig gemacht, aber was gescheites ist noch aus allen geworden."
Die Frage nach dem was "richtig" und was "falsch" ist beschäftigt mich seit der Ausbildung immer wieder. Nur weil etwas gelungen ist, bedeutet es noch nicht das etwas in dem Maße erreicht wurde wie es hätte sein können. Die Auffassung darüber was als "richtig" und was als "falsch" empfunden wird ist meist sehr subjektiv und wird noch mehr von individuellen Auffassungen beeinflusst wenn es um die Arbeit mit Menschen geht. Dabei sollte man ganz klar Unterscheiden wer erzieht. Die Erziehung im Elternhaus ist nur in geringen Maße mit der Erziehung in der Kindertagesstätte, der Schule, den Großeltern oder durch Freunde und Verwandte zu bewerten. In jedem der Bereiche wird unter dem Begriff "Erziehung" oft etwas anderes verstanden. Die Fachkräfte in der Kindertagesstätte würden sagen das Erziehung ein Prozess ist welcher geplant, bewusst und zielorientiert geschieht. Dort wird nach einem Bildungs- und Orientierungsplan gearbeitet - Erziehungsziele lassen sich (bei uns in Baden-Würtemberg) somit aus einem 172 Seiten füllenden Dokument entnehmen. Bedeutet dieser Leitfaden gleichzeitig das "richtig" erzogen wird? Meine Erfahrungen während der Ausbildung haben mich anderes gelehrt.
Die Erziehung im Elternhaus ist auch an Erziehungsziele geknüpft, wenn auch oft weniger planvoll - Erziehung hier geschieht oft beiläufig und dieser Punkt wird von vielen, meiner Meinung nach, unterschätzt: Nur weil ich etwas nicht ganz bewusst tue, bedeutet das nicht, das ich nicht erziehe. Ob jede Interaktion mit einem Kind oder Jugendlichen als Erziehung gesehen werden kann, darüber lässt sich gewiss streiten. Aber der Einfluss unbewusster Handlungsweisen sollte nicht übersehen werden: Hier weicht ein vermeintliches "richtig" schnell mal einer fragwürdigen Handlungsweise. Einem Kind "Hausarrest" zu geben mag in der vermeintlichen Situation für das Elternteil die "richtige" Handlungsweise sein, welch Wirkungen dies auf das Kind haben kann wird aber schnell unterschätzt.
Was kann den als "richtige" Erziehung verstanden werden und gibt es den überhaupt DIE "richtige" Erziehung? Meiner Meinung nach gibt es keine Art der Erziehung welche als eindeutig richtig eingestuft werden kann. Aber ich bin der Auffassung das die Erziehung in einzelnen Bereichen deutlich verbessert werden kann und dort Möglichkeiten bestehen etwas in unterschiedlich qualitative Stufen einzuordnen. Dies beinhaltet für mich ein sehr großes Konstrukt an verschiedenen Ebenen, welche alle in sich noch einmal verschiedene Klassifizierungen beinhalten und immer wieder kritisch reflektiert werden müssen. Ich denke auch das diese Form der qualitativ hochwertigeren Erziehung in erster Instanz lediglich durch Krippen, Kindertagestätten und Schulen, etc. erreicht werden kann und erreicht werden sollte - Dort arbeiten schließlich (vermeintliche) Fachkräfte, welche über das notwendige Fachwissen und praktische Handlungsmöglichkeiten verfügen (sollten).
Eine gleichwertige Erziehung kann in meinen Augen nicht von Eltern erwartet werden. Das eben angesprochene Fachwissen ist nicht oft vorhanden. Vermeintliche Elternratgeber bemühen sich selektives Wissen und Handlungsstrategien zu vermitteln, die Ratschläge dieser kommen aber nicht selten aus der Feder von Personen, welche selbst kein fundiertes Fachwissen haben und somit lediglich ihre eigenen Vorstellungen über eine "richtige" Erziehungspraxis vermitteln. Neben der Tatsache das Eltern oder zumindest Elternteile arbeiten ist die Belastung durch diese nicht außer Acht zu lassen und besonders wichtig ist hervorzuheben, dass das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern auf natürliche Weise klar anders ist, das jenes zwischen pädagogischer Fachkraft und dem Kind. Eltern sollten und können die Erziehung am Kind gar nicht instrumentalisieren und perfektionieren wie dies in einer Einrichtung möglich ist.
Sollte also alle Verantwortung der Erziehung in die Hand von pädagogischen Fachkräften gelegt werden? Natürlich nicht. Ich sehe die Erziehung im Kindergarten zum Beispiel aber als primäre Grundlage für eine richtige Erziehung, welche im Elternhaus immer wieder auf Hindernisse stößt und dort feiner geschliffen werden sollte. Ebenso sehe ich die Eltern der Kinder in der Verantwortung sich bewusster ihrer unbewussten Erziehung zu werden um nebensächliche Erziehungsfehler zu vermeiden und sich im allgemeinen öfter (oder überhaupt) kritisch zu reflektieren. Erziehung ist schließlich ein fortlaufender Prozess.
Was nun aber abschließend als "richtige" Erziehung bezeichnet werden kann vermag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu sagen. Ich werde mich weiter intensiv damit beschäftigen wie und in welcher Form eine qualitativ bessere und meiner Auffassung nach "richtige" Erziehung in Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Schulen erreicht werden kann. Am wichtigsten ist es aber das man überhaupt wieder mehr ins Gespräch miteinander kommt und sich darüber unterhält und diskutiert wie man erzieht und warum man dies so praktiziert.