Mittwoch, 29. November 2017

"So viel ist das doch nicht"

"So viel ist das doch nicht!"
Jeder Mensch hat ein zeitlich begrenztes Lernpensum - dennoch fordern Lehrer immer mehr von Schülern. Muss der Mensch zur Maschine werden um Erfolg zu haben? 

Formeln, Definitionen, Schaubilder, Strukturen,...jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr - Lernen, Lernen, Lernen. Wiederholen, wiederholen, wiederholen. Thema beendet - Vergessen. Test schreiben - Vergessen. Arbeit schreiben - Vergessen.
Wir lernen um eine zeitlich begrenzte Leistung zu erbringen, welche als Abbild unseres Wissenszuwachses dienen soll. Das Wissen wird mit Abgabe der Klassenarbeit schnell von der Festplatte gelöscht. Und das gar nicht unbedingt, weil der Mensch sich so viele Dinge merken muss, sondern oft weil man dieses Wissen gar nicht weiter behalten will. Aber woran liegt das? Wo wird das natürliche Interesse eines Menschen sein Wissen zu erweitern so zertrümmert das ihm Lernen als Nerven raubend erscheint und er es aus reiner Pflicht seinen Nervenzellen aufzwingt?
Das unser aktuelles Schulsystem bereits sehr veraltet ist und dringend eine große Reformation benötigt ist bereits seit einigen Jahren bekannt. Dokumentationen, wie zum Beispiel "Alphabet" von Erwin Wagenhofer, zeigen eindringlich auf,  das der Mensch bereits im Kindesalter durch den Eintritt in die Schule sein Interesse am Lernen, durch das stetige erzielen von Leistungen, verkümmert wird. Der Film erhielt große Zustimmung von Medien und Politik.

"Der Film legt nahe, dass wir unser Schulsystem grundlegend ändern müssen. Es geht nicht um das Bewerten, Beurteilen und Auslesen unserer Kinder, sondern es geht um das Entfalten und Ermöglichen ihrer einzigartigen Begabungen auf der Basis von vertrauensvollen Beziehungen zu anderen Menschen."  -Dr. Claudia Schmied (Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur a.D. (Österreich), 2007-2013) 

Vier Jahre später bin ich immer noch beziehungsweise wieder Schüler und werde permanent bewertet, beurteilt und ausgelesen. Abschreiben, sitzen, schweigen. Wenn man sich doch seines Sprachapparates in adäquatem Zwecke bedienen kann, so sind klare, standardisierte Antworten zu erbringen. Diese werden dann in Qualität und Quantität zudem bewertet. Eine kritische Frage oder eventuell sogar eine Frage welche die Thematik in eine andere Richtung lenkt oder einen kreativen Gedanken hervorbringt ist nicht erwünscht. "Das hat doch aber jetzt gar nichts mit dem Thema zu tun!" Abschreiben, sitzen, schweigen. Eine Lehrkraft wiederholt monoton die immer gleichen Phrasen, verwendet immer gleiche Folien, zeigt die immer gleichen Lehrfilme. Die Formel für das Lösen einer quadratischen Gleichung sagt ein Mathelehrer*in jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr, immer und immer wieder auf. Das muss unfassbar lästig sein. Das jene stumme Wesen gegenüber von dieser aber, wie Angela Merkel mit dem Internet, auf Neuland stoßen ist oft nicht verständlich. In der einen Stunde wird etwas erklärt - Wobei man sich bereits streiten könnte was tatsächlich erklärt wird. Bei einigen Unterrichtseinheiten würde man das Abspielen einer Tondatei nicht mit dem unterscheiden können was einige Lehrer als "erklären" bezeichnen würden. Haben die Schüler also erstmal einen Berg aus Wissen erhalten gilt es nun dieses zu lernen. Sich damit ganzheitlich auseinandersetzen, den Sachverhalt verstehen, begreifen und anwenden können - So zumindest schwärmt die Schulpädagogik. 

Die Schüler dagegen schwärmen höchstens davon die Schule abzubrechen. Ihnen bleibt das Auswendig lernen als einzige Überlebensmöglichkeit. Am besten direkt nach der Schule. Am gleichen Tag. Am nächsten Tag soll man das "gelernte" schließlich erweitern und anwenden können. Und das natürlich nicht in einem Fach, sondern in jedem einzelnen. Laut der Kultusministerkonferenz haben Schüler*innen auf der weiterführenden Schule zwischen 35,4 und 38,9 Stunden Unterricht pro Woche (Stand 2012). Die Stunden welche zusätzlich in Form von Hausaufgaben oder dem Lernen zuhause einfließen sind dabei nicht einmal mit eingerechnet. Haben einzelne Schüler also das Glück im Unterricht alles erfasst zu haben, ist deren zusätzlicher Aufwand zuhause geringer und am nächsten Tag können sie ebenso grau wieder im Unterricht sitzen, abschreiben und schweigen. Jeder der die Thematik am Vortag aber nicht verstanden hat, darf dies Zuhause tun und wenn dies nicht gelingt bleibt ihm nichts anderes übrig als im Unterricht zu schweigen, sitzen und abzuschreiben. Auf Fragen der Lehrkraft kann dann nicht geantwortet werden - Die Folge sind schlechte Bewertungen, argwöhnische Blicke von allen die das Thema verstehen und vielleicht noch eine spitze Bemerkung der Lehrkraft das man mehr tun müsste. Üben, üben, üben. Wiederholen, wiederholen, wiederholen. In Deutsch, Englisch, Biologie, Mathe, Französisch, Geschichte,.... Eine Nachhilfe suchen. Sich mehr anstrengen. Früher schlafen gehen, mehr Hausaufgaben machen, aufmerksamer sein. Sitzen, schweigen, abschreiben. Verzweifeln.

"So viel ist das doch nicht!", sagt die Lehrkraft.
"Du bist zu dumm!", versteht der Schüler.

14 Prozent der Schüler werden von Fachärzten mit einer Depression diagnostiziert, so schreibt zumindest ein Artikel der WELT vom 02.03.2015. Damit diese aber diagnostiziert werden können, müssen sie einen Facharzt aufsuchen. Die Tatsächliche Prozentzahl könnte demnach weitaus höher liegen. Die Erkrankung muss nicht immer im Zusammenhang mit Schulischem Leistungsdruck stehen. In China, ist Selbstmord im Jahr 2016 die häufigste Todesursache von jungen Chinesen zwischen 15 und 35 Jahren gewesen. China gilt als großes Vorbild für das Bildungssystem in Deutschland.

"Ich brauche Hilfe!", fleht der Schüler.
"So viel ist das doch nicht!", sagt die Lehrkraft.





Sonntag, 12. November 2017

Der Feind in mir

© Pinterest
Es kann durchaus vorkommen das ich mal in den Tag hinein träume und geistig abwesend bin. Meistens höre ich euch ja doch zu, nur habe ich kein Interesse daran mich an eurer Konversation aktiv zu beteiligen. Vielleicht ist mir auch ein Gedanke klopfend vors Auge getreten und benötigt Beachtung. Meist denke ich auch viel über alles mögliche nach. Das ist mal mehr, mal weniger sinnvoll. Bin ich in eurer Gegenwart mag ich durchaus sonnenbestrahlt wirken, die Wolken in meinem Kopf sind für euch ja nicht sichtbar und müssen es auch nicht unbedingt sein. Ich bin schon sonderbar genug, warum das auch noch verstärken? Das sich diese Wolken in meinem Kopf hinter verschlossener Tür immer mal wieder zu einem Gewitter wandeln ist mir mittlerweile Nichts neues. Irgendwann scheint man sich daran zu gewöhnen und packt seinen inneren Regenschirm aus. Zeitweise scheinen die Wolken verflogen, nach vorsichtiger Zuversicht wandelt sich dieses in sorgenloses Grinsen. Beinahe fühle ich mich federleicht, schwebe leicht über dem Boden und bin bereit Berge zu erklimmen. Ja, zeitweise liege ich sogar wach und denke an dich und verspüre nicht diesen unangenehmen Schmerz. Niederschläge nehme ich mit breiter Brust entgegen und weiß mich dagegen zu wehren oder das Beste aus ihnen zu machen. Wenn ich mich im Spiegel betrachte sehe ich nicht diese verzerrte Fratze, welche mich am liebsten jeden Moment vernichten möchte. Man könnte fast sagen in solchen Momenten fühle ich mich gesund, glücklich und vor allem: Normal. Doch bevor ich mich versehe ziehen plötzlich kleine Wolken auf und ich gehe wieder am Spiegel vorbei ohne hineinzusehen. Das ist normal, jedem geht es immer mal wieder nicht so gut, sage ich mir. In den nächsten Tagen bin ich immer mal wieder aufgewühlt oder schnell gekränkt. Sicher benötige ich nur etwas Auslastung und suche sie im Sport. Mit neuer Energie, ausgeschlafen und gut gelaunt starte ich in den nächsten Tag nur um zu einem willkürlichen Zeitpunkt von einem Blitz durchfahren zu werden. Irritiert denke ich nach womit dieser Wetterwechsel einhergeht und bemühe ihn nicht weiter zu beachten. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab und ich muss mich selbst wieder zur Ablenkung zwingen. Ich spüre meinen Herzschlag deutlich und immer wieder jagen Blitze durch mich hindurch. Ich schließe die Augen einen Moment und beiße meine Zähne fest zusammen. Ich will das nicht! Gedankenverloren fokussiere ich mich auf eine Stelle im Raum und bin geistig abwesend. Du willst das nicht, es gibt überhaupt keinen Grund dazu! Die Gespräche um mich herum erinnern mich daran das ich nicht alleine bin. Sorgsam ziehe ich meine transparente Maske auf und wirke durchaus sonnenbestrahlt. Zuhause, zu unbestimmten Zeitpunkt, vielleicht wenn ich gerade wegen etwas lachen musste, geht es dann erneut los. Angestrengt spanne ich meine Gesichtsmuskeln an, mein Herz schlägt laut und Blitze schlagen auf mich ein. Ich balle meine Fäuste. ICH WILL DAS NICHT, ES GIBT ÜBERHAUPT KEINEN GRUND DAZU. Erschöpft drängt sich dann doch die ein oder andere Träne aus meinen Augen heraus. Mein Kopf schmerzt und ich werde unruhig. Ich gehe auf und ab, suche mir Ablenkungen, bemühe mich nicht in den Spiegel zu sehen, tue es doch. Sehe diese verzerrte Fratze die mich drohend beäugt und darauf hofft das ich nicht in den Schlaf falle, sondern seinen Gedanken nachgebe. Dieser Feind in mir ist mir altbekannt, was genau es ist, dass ihm das Gefühl gibt bei mir willkommen zu sein weiß ich nicht. Wir kennen uns mittlerweile ganz gut, weswegen ich ihn meist wie einen alten Freund begrüße. Nur Zeitweise scheint er sich an etwas in mir zu nähren, vielleicht Glück. Solange dieser Feind in mir, lediglich Gast und nicht Besitzer ist, kann ich damit leben - Mehr oder weniger. Ich bemühe mich zumindest. 

Sonntag, 5. November 2017

Fotowahnsinn


Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. 

Situation nach Situation wird sorgfältig abgelichtet - Manche alles was ihnen vor die Linse kommt, andere lediglich ihr Essen oder Selfies, aber es werden von jedem eigentlich konstant Fotos aufgenommen. Und die sehen durch die heutige Technik auf dem Smartphone teilweise unglaublich gut aus - So gut das es bereits diverse namhafte Fotowettbewerbe mit deren Einsatz gibt. Was passiert aber mit den ganzen Fotos auf unserem Smartphone? Am Tag der Aufnahme noch angesehen, nach ein paar Tagen graue Erinnerung die zeitweise aufgefrischt wird, aber ansonsten in Vergessenheit geraten. Irgendwann werden einzelne beim fleißigen Wischen durch die Galerie wieder entdeckt, aber mehr als ein freundliches Grüßen entsteht nicht.
Das nervt mich.
Ich nehme selbst viele Bilder auf, versuche konstant zwar “unbrauchbare” regelmäßig zu löschen, bin dann durch die Fülle an neu entstehenden Bildern meist zu faul. Einzelne Perlen, welche mir besonders zusagen lade ich auf Instagram hoch, damit sie - abseits von Aufmerksamkeit - ein Portfolio an Erinnerungen für mich bieten. Anfang des Jahres habe ich zudem angefangen, was ich mir schon lange vorgenommen habe: Mir kleine Fotoalben gekauft und Monat für Monat ausgewählte Bilder ausgedruckt und eingeklebt. Im Anschluss wurden die nicht gewählten Bilder, nachdem ich sie auf meinem PC gesichert habe, gelöscht. So verlagert sich mein Bilderfriedhof auf meinen Computer - möchte ich aber nachsehen was mich Monat für Monat beschäftigt hat, und was ich erlebt habe, so Blätter ich in Ruhe durch meine Fotoalben. Früher war dies selbstverständlich,  heute, meines Erachtens, in Vergessenheit geraten. Genervt seufze ich, dass bereits wieder über 1.000 Fotos den Weg in meine Galerie gefunden haben und andere zucken nur mit den Schultern und wischen, gefühlt endlos, durch ihre 3.000, 5.000, Bilder. Bestimmte Fotos finden Sie so natürlich selten.

Was für mich dabei aber am meisten verloren geht ist die Magie, welche in einem jeder Aufnahme steckt: Ein Moment. Fotos sind Momentaufnahmen - Beim betrachten ist uns die Situation vor Augen, die Personen welche in unserer Nähe waren und vor allem Emotionen sind es die uns begleiten. Aus der Aufnahme an einem See wird die Erinnerung an eine verflogene Sommerbekanntschaft, das Bild der eigenen Katzen vermittelt einem ein Gefühl der Wärme und das abgedrehte Selfie mit seinen Freunden lässt einen lachen. Einen Moment wahrnehmen und einen Moment inne halten, dem Alltag entfliehen und ihn sorgsam in Gedächtnis konservieren.